Karneval und ADHS – was soll das bitte gemeinsam haben? Klingt erstmal nach einem schlechten Witz. Aber wer tiefer schaut, entdeckt eine überraschend ehrliche Parallele: das Maskieren.

Verkleidet durchs Leben

An Karneval schlüpfen Menschen in Kostüme, spielen Rollen, die sie sonst nicht spielen würden – und das gesellschaftlich völlig akzeptiert. Für einen Tag oder eine ganze Woche darf man jemand anderes sein.
Für viele Menschen mit ADHS ist das kein einmaliges Fest, sondern Alltag. Das sogenannte Masking – also das bewusste oder unbewusste Anpassen des eigenen Verhaltens, um sozial akzeptiert zu werden – begleitet sie durch Schule, Arbeit, Beziehungen und Freizeitaktivitäten. Nicht aus Böswilligkeit oder Täuschungsabsicht, sondern aus einem tief verwurzelten Bedürfnis: dazugehören zu wollen, nicht aufzufallen, nicht ausgegrenzt zu werden.
Das kostet enorm viel Energie – Tag für Tag, Jahr für Jahr.


Was ist Masking bei ADHS überhaupt?

Masking beschreibt Verhaltensweisen, mit denen neurodivergente Menschen ihre Eigenheiten verbergen oder kompensieren. Das kann ganz unterschiedlich aussehen:


• Übermäßige Vorbereitung auf soziale Situationen, um spontane Reaktionen zu kontrollieren
• Körperliche Unruhe unterdrücken (z. B. Zappeln oder Stimming), obwohl es innerlich brodelt
• Gespräche bewusst steuern, um nicht zu viel oder zu wenig zu reden
• Emotionen herunterregulieren, damit man nicht als „zu viel” wahrgenommen wird
• Fehler verstecken und doppelt so hart arbeiten, um Lücken zu kaschieren


Besonders bei Frauen und Mädchen mit ADHS ist Masking häufig so gut ausgeprägt, dass eine Diagnose erst sehr spät – oder gar nicht – gestellt wird. Denn nach außen hin „funktionieren” sie. Innen sieht es oft ganz anders aus.


Die Diagnose als Erlaubnis, die Maske abzulegen
Eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter löst bei vielen Menschen zunächst gemischte Gefühle aus. Manche fragen sich: „Hätte ich das nicht schon längst wissen müssen?” Oder: „Was ändert sich jetzt eigentlich?”
Die ehrliche Antwort: Wissen ist nicht gleich Fühlen – und schon gar nicht gleich Umsetzen.
Viele Menschen haben jahrelang das Gefühl, „irgendwie anders” zu sein, ohne es benennen zu können. Die Diagnose gibt diesem Gefühl einen Namen. Und genau darin liegt ihre Kraft: nicht als Etikett oder Entschuldigung, sondern als Erlaubnis, sich selbst anders zu begegnen. Mit mehr Mitgefühl. Mit weniger Selbstvorwürfen. Mit dem Wissen, dass bestimmte Herausforderungen nicht Charakter- oder Willensschwäche sind, sondern neurologische Realität.


Dieser Moment – „Ich darf die Maske ablegen” – ist für viele ein echter Wendepunkt. Nicht weil sich von heute auf morgen alles ändert, sondern weil er der Beginn eines ehrlicheren Umgangs mit sich selbst ist.


Wie läuft eine ADHS-Diagnostik ab?
Wer den Gedanken hegt, selbst betroffen zu sein – oder Menschen begleitet, bei denen ADHS ein Thema sein könnte – fragt sich oft: Wie komme ich überhaupt an eine Diagnose? Und was erwartet mich dabei?
Der Weg zur ADHS-Diagnose kann je nach Region und Versorgungslage unterschiedlich aussehen, folgt aber in der Regel einem ähnlichen Muster:


1. Erstkontakt beim Hausarzt oder der Hausärztin – hier kann eine Überweisung zu einer Fachpraxis (Psychiatrie, Neurologie oder spezialisierte ADHS-Ambulanz) ausgestellt werden


2. Anamnese und Fragebogen – standardisierte Selbstauskunftsbögen helfen, Symptome zu erfassen; oft werden auch Fremdanamnesebögen (z. B. für Partner:innen oder Eltern) eingesetzt


3. Klinisches Interview – Fachpersonal erfragt detailliert Lebensgeschichte, Symptome in verschiedenen Lebensbereichen und mögliche Komorbiditäten


4. Neuropsychologische Tests – Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Impulssteuerung werden teils mit computergestützten Verfahren gemessen


5. Differentialdiagnose – Ähnliche Symptome können auf andere Erkrankungen hinweisen (z. B. Angststörungen, Schlafprobleme, Schilddrüsenerkrankungen), diese werden abgegrenzt


6. Diagnose und Besprechung – Ergebnis und mögliche nächste Schritte (Coaching, Therapie, Medikation) werden gemeinsam besprochen


Die Wartezeiten auf einen Diagnostiktermin können in Deutschland leider lang sein – manchmal mehrere Monate. Wer den Prozess beginnen möchte, sollte frühzeitig aktiv werden und sich nicht entmutigen lassen.


ADHS bei Frauen – eine besondere Herausforderung
Lange wurde ADHS als „Jungs-Diagnose” betrachtet. Das Bild des zappelnden, lauten, unkonzentrierten Schulkindes hat die Forschung und die Wahrnehmung jahrzehntelang geprägt. Dabei zeigt sich ADHS bei Mädchen und Frauen häufig ganz anders:


• Weniger Hyperaktivität nach außen, dafür mehr innere Unruhe
• Stärkeres Masking durch frühe Sozialisation
• Häufiger Begleiterscheinungen wie Angst, Depression oder Erschöpfung
• Symptome, die sich im Laufe des Lebens verändern – besonders rund um hormonelle Phasen (Pubertät, Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre)


Das führt dazu, dass viele Frauen erst im Erwachsenenalter – oft nach einer jahrelangen Odyssee durch verschiedene Diagnosen – erfahren, dass hinter allem eine ADHS steckt. Oder sie erfahren es gar nicht und kämpfen weiter allein gegen etwas, das sie nicht benennen können.


Neurodivergenz verstehen – für dich und andere
Ob du selbst betroffen bist, einen Verdacht hegst oder Menschen begleitest, die neurodivergent sind: Wissen verändert die Perspektive. Es schafft Verständnis, wo vorher Frustration war. Es öffnet Türen, die vorher verschlossen schienen.
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